Chronik

Kloß-Wettessen und Kegelbahn
Häuser und ihre Geschichte: Michaelisstraße 3-4
von Ruth und Eberhard Menzel in der
Thüringer Landeszeitung vom 31. August 2002

Erfurt. (tlz) Nicht von ungefähr begeisterte sich der Geschäftsführer der Weimarer allobjekt GmbH Klaus Prokop für das neueste Erfurter Investitionsobjekt: die denkmalgeschützte "Feuerkugel" in der Michaelisstraße 3/4. Wegen der Gebäudequalität vermutete er zurecht wohlhabende Bauherren, die einst beim Hausbau besonders hochwertige Materialien bevorzugten. Immerhin betrugen die veranschlagten Baukosten im März 1896 40.000 Mark. Um ihre florierende Geschäftstätigkeit in der Nähe von Rathaus und Krämerbrücke weiter auszudehnen, hatten die Gebrüder Max und Karl Müller, seit 1869 Besitzer des nach ihnen benannten Kaffeehauses am Fischmarkt 22, das Doppelgrundstück in der Michaelisstraße hinzugekauft. Als Architekten gewannen sie den damals erst 31-jährigen, später in Erfurt sehr erfolgreichen Eduard Kayser, der zeitgleich mit dem Müllerschen Gebäude auch die pompöse Villa für den Fotografen Karl Festge in der Cyriakstraße 39 entwarf.



Mit dem ebenfalls aufwendig ausgestatteten Geschäftshaus Wunder an der Ecke Domplatz/Marktstraße 28/31 konnte er 1899/1900 erneut sein Talent unter Beweis stellen.

Für die Fassade der später so genannten "Feuerkugel" bestellte Kayser "sächsischen Sandstein (Pirnaer besserer Stein)" und ließ damit alle Gesimse, Sohlbänke und Giebelaufsätze von Erfurter Steinmetzen herrichten. Im ersten Obergeschoß veranlaßte er, jeweils zwischen zwei Pfeilerkapitellen und lorbeerblattgeschmückten Wappentafeln eine Weinflasche, ein Trinkglas und eine Weinrebe zu postieren. Laut Bauzeichnung sahen die Gebrüder Müller diese Etage als Lokalität und das zweite Obergeschoß mit Erker für Wohnzwecke vor.


Verständlicherweise unternahmen die Bauherren vieles, um die Gaststuben und andere Mieträume möglichst bald verwenden zu können. Allerdings flatterte ihnen ein "Straffestsetzungsbescheid" ins Haus, weil der mattgelbe Fassadenputz erst einen Monat nach der Rohbauabnahme hätte erfolgen dürfen. An Wunder grenzt, daß es dem Maurermeister Gaßmann gelang, den gesamten Bau zwischen Anfang August und Ende September hochzuziehen. Wie viele Maurer und auch Zimmerleute unter Leitung von Zimmermeister Friedrich Kummer an diesem "Blitzbau" beteiligt waren, verschweigen die Akten.

Um den gesetzten Termin für die Bezugsfähigkeit des Gebäudes vom 1. April 1897 vorzuziehen, erklärten die Bauherren mit einer findigen Eingabe beim Bezirksausschuß, sie hätten schon "seit längerer Zeit die Dampfheizung zum Austrocknen im Gange" und die Restaurationsräume im Parterre und in der ersten Etage würden nur abendlichen Vereinsversammlungen, "nicht dem dauernden Aufenthalt von Menschen" dienen. Die Mühe lohnte, denn die Raumnutzung wurde auf den 28. Februar vorverlegt.

Wenn keine weiteren Akten auftauchen, bleibt es weiterhin ein Geheimnis, warum die Brüder Müller bereits 1903 ihren Besitz aufgaben. Waren sie zahlungsunfähig geworden? Jedenfalls übernahmen die Herren Staroste und Krinitz von der Brauerei Gottlieb Büchner Aktiengesellschaft das gesamte Anwesen zum 31. Juli für 350.000 Mark.




Gerade jetzt zeigten städtische Behörden eine immense Geschäftigkeit. Besonders kritisch beurteilten sie die Toilettenanlagen, denn für weibliche Gäste existierte immer noch das alte Kübelsystem und Waschgelegenheiten fehlten völlig. Intensiver Kontrolle unterlagen auch die Beleuchtungsanlagen auf Stadtgasbasis. So forderte man bei den beiden Kronleuchtern im Tanzsaal weitere Sicherheitsmaßnahmen wegen Brandgefahr.


Gemütliches Domizil auch für das Geschichtskränzchen

Durch diese Ereignisse aufgeschreckt, erfuhr die Öffentlichkeit 1904 in der Presse von ungewöhnlichen Raumverhältnissen des Hinterhauses "das zu Tanz und Scherz dient ... Wer von den hier versammelten Gästen ahnt es wohl, daß in dem selben Raume sich schon vor der Mitte des 14. Jahrhunderts ein Judentempel, eine Synagoge, befand, die 1349, im Jahre des Judensturms, unter furchtbaren Greueln, verwüstet, danach in ungeregelter Weise wieder aufgebaut wurde?"

Wahrscheinlich um 1888 war eine Treppe ins erste Obergeschoß für eine "Erschließungsgalerie" zum Tanzsaal errichtet worden. Und früher gab es hier auch eine Kegelbahn, die mit dem Neubau Michaelisstraße in den Keller verlegt wurde. Saal und Galerie faßten 498 Personen.

Mit der Jahreszahl 1890 datierte Zeichnungen bezeugen im Erdgeschoß einen zusätzlichen Vereinssaal, der bis zum Jahre 2000 existierte. Hier wurden Touristengruppen beköstigt, und das Erfurter Geschichtskränzchen fand dort für mehrere Monate ein gemütliches Domizil. Dieser Saal befand sich aber in der Alten Synagoge, was aufgrund der verschachtelten Bebauung nur schwer erkennbar war.


Mit der Übernahme der Büchnerschen Brauerei AG durch die Leipziger Riebeck-Brauerei im Jahre 1920 vollzog sich ein gravierender Wandel. Als Pächter holte sich die neue Geschäftsleitung Willi Anders aus Leipzig, der einst in der dortigen "Feuerkugel" als Page diente, eine Lehre als Koch absolvierte und danach im Zoohotel eingesetzt war. Leipziger Traditionen gemäß entschloß man sich, auch in Erfurt einen hauseigenen Ausschank in "Müllers Kaffeehaus" einzurichten.

Nach größeren Umbauten im gesamten Anwesen erhielt die Gaststätte 1926 auch den Namen "Feuerkugel". Eingeführt hatte dieses Logo der aus der Gießereibranche stammende Begründer der Leipziger Brauerei. Willi Anders wirkte hier mit Geschick über mehrere Jahrzehnte. Nur daß er im Hinterhof Schweine zu halten begann, duldete die Polizei lediglich bis 1930. Zu DDR-Zeiten firmierte die Gaststätte unter "Anders und Co KG", bis dann im Jahre 1987 der neue Pächter Johannes David folgte.

Nach umfassender Rekonstruktion präsentierte sich das Lokal mit Wandgemälden und neuen Möbeln im "altdeutschen Stil". Nicht zuletzt mit preiswerter Hausmannskost, einem Aufsehen erregenden Kartoffelkloß-Wettessen und der Wiedereinführung des alten Namens "Feuerkugel" gelang es David im Zeitraum von 1994 bis 1997, sich gegen die Konkurrenz naheliegender Gasthäuser durchzusetzen.

In den Folgejahren versuchte die Treuhand, den Verkauf dieser Immobilie zu erreichen. Seit Mai 2002 wurde sie durch die Weimarer Firma allobjekt GmbH zu einem thüringischen Spezialitätenrestaurant ausgebaut, das sich seit seiner Wiedereröffnung im Dezember 2002 größter Beliebtheit bei Erfurtern und Touristen erfreut.



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